Vergessene Welten: Ein Blick in die Anderlfabrik bei Schrems

Hast du dich jemals gefragt, welche Geschichten sich hinter den Mauern alter, verlassener Gebäude verbergen? Orte, an denen einst das Leben pulsierte, wo Maschinen ratterten und Menschen ihre tägliche Arbeit verrichteten – und die heute nur noch als stumme Zeugen der Zeit dastehen? Vor einiger Zeit erhielt ich eine Reihe faszinierender Aufnahmen von einem anonymen Urbexer. Die Fotos zeigen einen Ort, der mich beim ersten Ansehen sofort in seinen Bann gezogen hat: die ehemalige Textilfabrik Johann Anderl bei Schrems im Waldviertel.

Komm mit mir auf eine kleine Zeitreise, aber Vorsicht: Wir besuchen diesen Ort heute nur durch das Fenster meiner Erzählung. Das Betreten solcher Ruinen ist kein Abenteuerspielplatz, sondern ein gefährliches Unterfangen.

Vom Mühlrad zum Industriegiganten

Die Geschichte der sogenannten "Kleemühle" am idyllischen Braunaubach beginnt weit früher, als man vermuten mag. Bereits 1595 urkundlich erwähnt, war sie über Jahrhunderte ein klassischer Mühlenbetrieb. Doch der Geist des industriellen Aufbruchs im 19. Jahrhundert machte auch vor dem Waldviertel nicht halt. 1851 erkannte Wilhelm Altmann das Potenzial des Standorts und legte den Grundstein für die mechanische Weberei.

Der eigentliche Aufstieg begann jedoch 1879 mit Johann Anderl. Er brachte den Mut und das unternehmerische Geschick aus der Wiener Webgasse mit und verwandelte die Kleemühle in ein Herzstück der Region. Stell dir das einmal vor: Während das Waldviertel damals noch stark landwirtschaftlich geprägt war, schickte Anderl seine Stoffe bis in den fernen Orient. Mit Silberfäden durchzogene Stoffe aus einem kleinen Ort in Niederösterreich – das war Weltniveau!

Tipp für die Umgebung: Wenn du in Schrems bist, lass dir das UnterWasserReich nicht entgehen. Es ist ein faszinierendes Naturparkzentrum, das dir die Wasserwelt des Waldviertels ganz ohne Fabrikruinen, dafür aber mit einer beeindruckenden Fischotter-Fütterung näherbringt.

Das Leben hinter den Werkstoren

In ihrer Blütezeit arbeiteten hier bis zu 275 Menschen. Die Fabrik war mehr als nur ein Arbeitsplatz; sie war ein ganzer Kosmos. Es gab eine eigene Arbeiterkolonie, Wohnhäuser für die Belegschaft und ein repräsentatives Beamtenwohnhaus für die Direktoren. Die Fotos der Arbeiterkolonie zeugen von einer Zeit, in der das Schicksal der Menschen eng mit dem Betrieb verwoben war. Heute ist davon nur noch der morbide Charme des Verfalls übrig.

Wohngebäude
Wohngebäude
Wohngebäude von Innen
Wohngebäude von Innen
Eingestürzte Geschosse
Eingestürzte Geschosse

Geschichte der Johann Anderl Fabrik in Schrems

1595
Erste urkundliche Erwähnung der Kleemühle am Braunaubach.
1821
Beginn der Nutzung des Mühlenareals für die Handweberei.
1851 – 1856

1851: Wilhelm Altmann aus Vitis kauft die Mühle und richtet eine wasserkraftbetriebene mechanische Weberei ein.

1856: Übernahme durch Vinzenz Schwarz und sukzessive Erweiterung der Mühle zu einem Fabrikbetrieb.

1879
Johann Anderl (Webwarenfabrikant aus der Wiener Webgasse) übernimmt den Betrieb. Aufbau eines weitverzweigten Heimarbeiternetzes mit Faktoreien in Gastern und Kautzen.
Ende 19. Jahrhundert
Umstellung von Wasser- auf Dampfkraft; Errichtung einer Färberei und Bleicherei. Die Söhne Conrad und Adolf Anderl übernehmen die Leitung. Errichtung von Beamten- und Arbeiterwohnhäusern; die Heimweberei läuft aus.
1938
Finanzielle Schwierigkeiten führen zur Zwangsverwaltung des Unternehmens.
1943 – 1948

1943: Einstellung der Textilproduktion. Einweisung des kriegswichtigen Metall- und Elektrowarenkonzerns Felten & Guilleaume.

1946: Inhaber Hans Anderl bemüht sich um den Wiederaufbau von Weberei und Appretur.

1948: Auszug von Felten & Guilleaume aus den Gebäuden.

1950
Errichtung einer Vigognespinnerei. Der Betrieb wächst wieder auf rund 220 Beschäftigte (in Spitzenzeiten bis zu 275 Personen).
1967
Übernahme durch Richard Hein (Neffe Anderls). Wegen veralteter Bau- und Maschinensubstanz Reduzierung der Belegschaft auf 20 Personen.
2004
Schließung der Anderlfabrik im Zuge des allgemeinen Niedergangs der Textilindustrie.

Die Weltgeschichte machte auch vor Schrems nicht halt. 1938 zwangsverwaltet, 1943 von Felten & Guilleaume für die Kriegsproduktion beschlagnahmt – die Fabrik erlebte stürmische Zeiten. Nach dem Krieg kehrte kurzzeitig der Geist der Textilproduktion zurück, doch der technologische Fortschritt und der globale Wandel waren unerbittlich. 2004 fielen endgültig die Tore zu. Geblieben sind die riesigen Schornsteine, die nun in den Waldviertler Himmel ragen, und die leeren Hallen, in denen früher das Klappern der Webstühle den Takt vorgab.

Alte verrostete Dampfkessel
Alte verrostete Dampfkessel
Betriebshallen
Betriebshallen
Innenhof
Verwachsener Innenhof - die Natur erobert alles zurück
Fabrikansicht

Ein Appell an deine Vernunft

Ich weiß, die Fotos sehen unglaublich aus. Die Lochkarten mit den Mustern, der Tresor, in dem einst die Löhne aufbewahrt wurden, die geisterhaften Gänge – all das zieht Urbex-Fans magisch an. Aber ich muss dir eines ganz deutlich sagen: Bleib draußen. Die Fabrik ist abgeriegelt und videoüberwacht. Abgesehen von der rechtlichen Seite (Besitzstörung ist kein Kavaliersdelikt) ist das Gebäude in einem Zustand, der lebensgefährlich ist. Einsturzgefahr ist keine Floskel, sondern eine Realität, die man nicht herausfordern sollte.

Kellerräume
Gespenstische Kellerräume
Oberlichter
Oberlichter erzeugen ein mystisches Ambiente
Betriebshallen Fenster
Betriebshallen Fenster
Riesige Schornsteine
Riesige Schornsteine
Treppengang im Herrenhaus
Treppengang im Herrenhaus
Tresor für die Bezahlung der Belegschaft
Tresor für die Bezahlung der Belegschaft
Sanitäranlagen
Sanitäranlagen
Die Weberei
Die Weberei
Lochkarten mit dem Muster
Lochkarten mit dem Muster
Detailansicht
Eingestürzte Räume, sehr gefährlich
Eingestürzte Räume, sehr gefährlich
Gruselige Gänge
Gruselige Gänge
Aussenansicht der Betriebshallen
Aussenansicht der Betriebshallen


Genieße den Anblick von außen, spüre den Hauch der Geschichte und lass die Fantasie spielen – aber bleib sicher. Es gibt viele andere Wege, die Geschichte des Waldviertels zu erleben, ohne dabei sein Leben zu riskieren. Hast du schon einmal ähnliche Orte besucht, die heute eine zweite Chance als Museum oder Kulturzentrum erhalten haben? Erzähl mir davon in den Kommentaren!


Hier noch die Position der Fabrik:


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