Letztes Jahr packte mich wieder das Bunkerfieber. Es ist dieses ganz eigene Gefühl, wenn man den Lärm der Außenwelt hinter sich lässt und in die kühle, schweigsame Dunkelheit eintaucht, die Geschichten von gestern atmet. Diesmal führte mich meine Suche in den Wienerwald, genauer gesagt zwischen Enzesfeld-Lindabrunn und Hirtenberg in Niederösterreich. Dort verbirgt sich ein Relikt aus einer Zeit, in der die Welt in Trümmern lag.
Ein dunkles Kapitel unter Tage: Die Enzesfelder Metallwerke
Die Geschichte dieser Stollenanlagen ist eng mit den Enzesfelder Metallwerken verknüpft. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Produktion kriegswichtiger Güter – insbesondere Munition – aufgrund der massiven Luftangriffe auf Industriezentren zunehmend unter die Erde verlagert. Die Anlage, die ich erkundet habe, war Teil eines weitverzweigten Systems, das den Arbeitern und Maschinen Schutz bieten sollte. Was heute ein Ort der Stille und der Urban Exploration ist, war damals ein Ort unter extremem Druck und menschlichem Leid. Wenn man heute durch die in den Fels geschlagenen Gänge wandert, ist es unmöglich, nicht an die Menschen zu denken, die hier unter unmenschlichen Bedingungen schuften mussten.
Unterwegs in der Region – Mein Tipp
Wenn du schon einmal in der Gegend bist: Ein Besuch im Triestingtal lohnt sich. Die sanfte Hügellandschaft bietet tolle Wanderwege. Und falls du nach der "Düsterkeit" des Bunkers ein Kontrastprogramm suchst: Das Schloss Enzesfeld ist architektonisch einen Blick wert!
Die Suche nach dem Eingang: Ein echtes Abenteuer
Hand aufs Herz: Die Suche nach dem Eingang war ein Abenteuer für sich. Im Internet findet man kaum belastbare Informationen, keine präzisen Koordinaten, nur vage Hinweise. Ich verließ mich auf Youtube-Videos und mein Bauchgefühl. Mein Startpunkt war der Bahnhofsparkplatz in Hirtenberg. Von dort aus marschierte ich Richtung Enzesfeld entlang der „Alten Gasse“. Aber Vorsicht: Die Natur holt sich alles zurück. Der vermeintliche Eingang, den ich zuerst im Visier hatte, war so zugewuchert, dass an ein Durchkommen nicht zu denken war.
Der eigentliche Zugang liegt versteckt in einem Waldstück nahe der Feldgasse. Sei geduldig, du wirst ihn nicht sofort sehen – die Natur schützt ihr Geheimnis gut.
Gänsehaut unter der Erde
Eins muss ich ehrlich sagen: Es war gruselig. Wenn man erst einmal im Inneren ist und das Tageslicht hinter sich lässt, verändert sich die Akustik. Jeder Schritt hallt, das Wasser tropft irgendwo in der Ferne und man wird sich der Instabilität der alten Gänge bewusst. Bitte nimm niemals nur eine Lichtquelle mit – ich hatte zwei dabei, und das ist auch bitter nötig, denn der Gang ist lang und tückisch verzweigt.
Leider sieht man am Eingang oft die Spuren der Zivilisation: Müll, den Leute hinterlassen haben. Das ist ein absolutes No-Go für jeden Urbexer. Wir besuchen diese Orte, um sie zu bewahren, nicht um sie zuzumüllen.
Verlorene Welten: Die "Dragons Cave"
Je tiefer ich in die Anlage vordrang, desto seltsamer wurde die Atmosphäre. Man sieht noch genau, wie die Gänge mit schwerem Gerät in den Fels geschlagen wurden. Im hinteren Teil stieß ich auf ein Portal, das fast wie ein Eingang zur Hölle wirkte. Irgendjemand hat es "Dragons Cave" getauft und mit Graffiti markiert – ein bizarrer Kontrast zwischen historischer Schwere und moderner Streetart.
Nach einer gewissen Strecke findet die Entdeckungsreise jedoch ein abruptes Ende. Große Teile der Anlage sind mittlerweile mit Wasser geflutet. Das spiegelnde Wasser auf dem Boden und die Unwissenheit darüber, wie tief es dort wirklich ist, gebieten Respekt. Hier ist Schluss. Man sollte diese Grenze nicht überschreiten, denn Sicherheit geht bei solchen Erkundungen immer vor.
Hast du selbst schon einmal solche verlassenen Orte besucht? Es ist eine faszinierende Art zu reisen, die weit weg vom Massentourismus liegt. Aber denk immer dran: „Take nothing but pictures, leave nothing but footprints.“
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